© Milena Schlösser

Prof. Dr. Christina von Braun ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Filmemacherin, Gründerin des Studiengangs Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit 2008 Vizepräsidentin des Goethe-Instituts und war von 2012 bis 2014 Gründungsleiterin des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Sie erlebte 1968 und die unmittelbaren Folgen in drei Ländern: USA, Frankreich und Deutschland. Ihr Gesamtwerk umfasst ca. fünfzig Filme zu kulturhistorischen Themen und zahlreiche Publikationen. Viele Arbeiten behandeln Geschlechterfragen, religionsgeschichtliche Themen sowie das Wechselverhältnis von Medien- und Mentalitätsgeschichte. Jüngste Publikationen: Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte. (2018), National Politics and Sexuality in Transregional Perspective. The Homophobic Argument. (2018). Auszeichnungen: Sigmund Freud Kulturpreis (2013), Hedwig Dohm Medaille des Deutschen Journalistinnenbundes (2014).



Veränderte Geschlechterordnung.

Die Umwälzungen von 1968 haben sich in den drei Kulturen, die ich damals erlebte – USA, Deutschland, Frankreich – auf vielen Ebenen ähnlich abgespielt. Das gilt vor allem für die Auflösung der traditionellen Sexualmoral und den Beginn der neuen Frauenbewegung. Die Unterschiede dagegen hingen mit den brennenden Fragen der jeweiligen Länder zusammen: für die USA der Vietnamkrieg und die Civil Rights Movements. Für Frankreich war es der Bruch mit dem nationalen Heroismus, wie er von de Gaulle verkörpert wurde. In Deutschland ging es um die Absage an die Erbschaft des Nationalsozialismus.

 

Was ist von diesen Umwälzungen geblieben? In allen drei Ländern kam es zu einer Veränderung auf dem Gebiet der  Geschlechterordnung, die eine neue Präsenz von Frauen im Öffentlichen Raum wie auch eine breite Akzeptanz homosexueller Lebensverhältnisse schuf. Anderes blieb auf der Strecke: Die neue Rechte brachte einen neuen Rassismus hervor, der sich in den USA weiterhin gegen Afroamerikaner und in Europa gegen Migranten richtet. Auch die sozialistische Einstellung trat – vor allem nach 1989 – in den Hintergrund. Ein Teil dieses Engagements floss aber in die Frage um Nachhaltigkeit, die Bewahrung der natürlichen Ressourcen, die Energiefrage, Klimawandel ein. Hier stehen sich letztlich zwei ganz ähnliche Positionen gegenüber: ein Denken aus der Perspektive des Einzelnen versus ein Denken aus der Perspektive der Gemeinschaftsverantwortung.

Alle Aspekte dieser Erbschaft von 1968 gehören heute zu den Feindbildern der Neuen Rechten, vor allem auch die Veränderungen in der Geschlechterordnung.