© Wawrzyniak

Dr. Joanna Wawrzyniak arbeitet als Soziologin und Historikerin an der Universität Warschau. Ihre Veröffentlichungen befassen sich vor allem mit kollektiver und individueller Erinnerung sowie mit vergleichender polnischer Sozialgeschichte. Zu ihren jüngsten Veröffentlichungen zählen: Veterans, Victims, and Memory: The Politics of the Second World War in Communist Poland (2015), (Mitautorin) Enemy on Display: The Second World War in Eastern European Museums (2015) und (Mitherausgeberin) Memory and Change in Europe: Eastern Perspectives (2016). Joanna Wawrzyniak war Gastwissenschaftlerin an der New School for Social Research in New York, am Freiburger Institute for Advanced Studies, am Imre Kertész Kolleg in Jena und dem Herder-Institut in Marburg. Gegenwärtig leitet sie ein Work Package zu City Museums and Multiple Colonial Pasts als Teil des von der EU geförderten ECHOES-Projekts. 2018-2019 lehrt sie in Teilzeit als Professorin für die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa am Europäischen Universitätsinstitut in Florenz.

 



1968-2018: Polarisierungen in der polnischen intellektuellen Szene.

 Das polnische 1968 hat mehrere Facetten, sowohl in historischer als auch in erinnerungspolitischer Hinsicht. Es begann im März 1968 mit studentischen Demonstrationen. Deren Unterdrückung durch die Staatsmacht wurde begleitet von einer antisemitischen Kampagne und der zwangsweisen Auswanderung von Tausenden polnischer Juden. Im Hintergrund zeigten sich gespenstische Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, interne Kämpfe in der kommunistischen Partei, die Reformen des Prager Frühlings und Hoffnungen für eine Demokratisierung des kommunistischen Systems. Die Unruhen endeten im August 1968 mit der Invasion der Staaten des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei.

 

Seitdem wird debattiert, wie man an diese Ereignisse erinnern soll. 2018 sahen die Mitglieder der früheren demokratischen Opposition – sowohl die Liberalen als auch die Rechtskonservativen des gegenwärtigen politischen Spektrums – im Jahr 1968 den Beginn dessen, was zum Durchbruch 1989 führte. Die jungen Linksliberalen betonten den Aspekt der Menschen- und Bürgerrechte, suchten Parallelen zur aktuellen Flüchtlingskrise. Das zeitlich mit dem 50. Jahrestag von 1968 zusammenfallende so genannte Holocaust-Gesetz, das im Januar 2018 vom polnischen Parlament verabschiedet worden war, und die folgenden Debatten in den Medien riefen sowohl bekannte Muster des Antisemitismus wach wie auch eine große Besorgnis darüber. Insgesamt zeigte der 50. Jahrestag von 1968 mit seinen unterschiedlichen Veranstaltungen und Erinnerungen nicht nur eine Polarisierung der polnischen intellektuellen Szene, sondern erwies sich auch als ein weiterer Beitrag zum Auseinanderstreben politischer und kultureller Identitäten.