© Emile Chabal

Prof. Dr. Emile Chabal lehrt Geschichte an der Universität Edinburgh. Seine Forschungsschwerpunkte sind insbesondere die Transformation französischer Politik seit den 1970er Jahren, französisch-britische Beziehungen im 20. Jahrhundert und das postkoloniale Erbe in Frankreich. Beiträge von Emile Chabal finden sich in den Zeitschriften Contemporary European History, Geschichte und Gesellschaft und Historical Journal. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen A Divided Republic: nation, state and citizenship in contemporary France (2015) sowie als Herausgeber France since the 1970s: History, Politics and Memory in an Age of Uncertainty (2014). Weitere Informationen finden sich auf seiner Webseite: http://www.homepages.ed.ac.uk/echabal/



Anti-68 in Frankreich: Kultur, Gesellschaft und die Neue Rechte.

Bei den années 68 in Frankreich denkt man vor allem an die Auswirkungen auf die globale Linke. Bilder von Barrikaden und Tränengas an der Pariser rive gauche wirkten im linken Erinnerungsraum als Reminiszenz an den besonderen Platz Frankreichs als Heimat der Revolution. Wie 1789 und 1848 inspirierten die évenements de mai Radikale auf der ganzen Welt. Die sozialen Unruhen, die auf die Studentenproteste folgten, schienen eine aufregende neue politische Konstellation anzukündigen, die eine fortschrittliche Politik begünstigen könnte.

 

Die 1968 unter Studenten und Arbeiterinnen herrschende Jubelstimmung verschleierte allerdings eine weniger positive Realität für die Linke, nämlich die größte rechte Mehrheit in der modernen französischen Geschichte bei den Wahlen im Juni 1968 (367 Sitze bei einer vereinten Zahl von 91 Sitzen für Sozialisten und Kommunisten). Dies war ein frühes Anzeichen für die starke Wirkung von 1968 auf die Rechte.

 

Mein Vortrag erkundet mehrere intellektuelle und politische Konsequenzen von 1968 für die französische Rechte. Ich möchte vor allem herausarbeiten, in welchem Ausmaß eine rechte Deutung von Kultur und Gesellschaft um 1968 zum Aufkommen eines Anti-68-Konsenses unter Konservativen und Liberalen führte. Mit der Zeit, vor allem nach Ende des Kalten Kriegs, ersetzte diese Anti-68-Ideologie den Anti-Kommunismus, der seit den 1920er Jahren ein zentraler Bestandteil rechten Denkens war.