Kursbuch 196: Religion, zum Teufel!

Opium des Volkes oder Beschleuniger von Konflikten, Orientierungsmaßstab für Sterbliche oder Herrschaftsinstrument für Gottlose, Moralagentur oder Terrormaschine, Basis von Welt und Selbst oder Überbau gegen Welt und Selbst? Religionen sind große Projektionsflächen – damit hatte der prominenteste Religionskritiker, Ludwig Feuerbach, in jedem Fall recht: In der Religion bildet sich als angeblich Äußeres und Transzendentes ab, was doch so immanent und alltäglich ist: wir selbst nämlich.

So vielfältig Religion erscheint, so vielfältig sind auch ihre Organisationsformen: von zentrumslosen Netzwerken bis zu Weltumspannendem mit römischem Zentrum, von der CO2-neutralen Landeskirche bis zur Hinterhofmoschee. Zumindest erstaunlich ist, dass sich nach all den Abgesängen der Religion und nach all den Privatisierungen religiöser Praktiken weltweite und häusliche Konflikte in den Rahmen und in den Namen des Religiösen stellen. Dieses Kursbuch wird der Frage nachgehen, wie sich das Religiöse heute zeigt, warum es so konfliktuös ist, warum man es zum Teufel wünscht und doch keine Gesellschaft darauf verzichtet.

 

God bless the Kursbuch!

Die Grenze aller Grenzen

»Ich will demonstrieren, wie real die Grenze die Leben von Menschen durchzieht.« Dieses Zitat der Künstlerin Ana Teresa Fernández könnte von dem Kulturwissenschaftler Alexander Gutzmer selbst stammen. Nichts anderes legt er mit seinem Buch »Die Grenze aller Grenzen. Inszenierung und Alltag zwischen USA und Mexiko« vor: eine Veranschaulichung, eine Illustration, ein Zeichen dessen, wie La Frontera Leben und Alltag der mit ihr wie immer verbundenen Menschen affiziert. Steht doch für ihn diese Grenze zwischen Mexiko und den USA für das »Prinzip Grenze« schlechthin. So schlicht sich vor allem die politische Rhetorik darüber gibt, so vielschichtig ihre alltägliche Wirkung und im weitesten Sinne mediale Inszenierung.

Gutzmer untersucht die Strategien der Performance- Künstlerin Ana Teresa Fernández, die Befestigungsteile himmelblau anmalt, um das Verschwinden der Grenze vor dem Blau des wirklichen Himmels zu suggerieren. Er setzt sich mit der Arbeit des Filmemachers Matthew Heineman auseinander, dessen Kamera während der Dreharbeiten bei Drogenkartellen zum »Verbalisierungsmedium des Horrors« wird. Er interviewt den Architekten René Peralta, der seine gesamte Leidenschaft in die Gestaltung der Grenzstadt Tijuana legt. 

 
 
 
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